Schulgeschichten: Besondere Schüler

Der Wuschelkopf

Als 26-jähriger exmatrikulierter Lehramtsstudent mit abgeschlossener wissenschaftlichen Ausbildung aber ohne pädagogische Erfahrung heuerte ich 1969 in meiner ehemaligen Schule an, an der ich 10 Jahre zuvor meine mittlere Reife erworben hatte. Meine ehemaligen Lehrer wurden nun meine ersten Kollegen im Schuldienst, die mir mit Rat und Tat zur Seite standen. Da war der Englischlehrer Herr Tiemann, der neben der Realschule in Herford wohnte, und der Mathelehrer Tiemann, der aus Löhne kam. Um sie im Sprachgebrauch gegenüber Eltern und anderen Vorgesetzten unterscheiden zu können, nannten wir den einen Tiemann-Herford, den anderen Tiemann-Löhne bzw. Englisch-Tiemann oder Mathe-Tiemann. Doch unter uns Schülern hieß nur der Englischlehrer „Tiemann“, während wir den anderen einfach „Senfauge“ nannten. Er hatte nämlich unter einem Auge eine senffarbige Verfärbung , die nach unten hin spitz zulief und in einem tropfenartigem Gebilde endete. Also Senfauge, der mir früher an dieser Schule Mathematik gelehrt hatte, war einer meiner Kollegen geworden. Nun hatte ich von ihm eine Knabenklasse der Unterstufe übernommen, in welcher sich ein Schüler befand, den ein Herforder Gymnasium mit der Mathe-Note „5“ als für das Gymnasium ungeeignet eingestuft hatte. Deshalb saß er nun in dieser Schule in meiner Mathematikstunde vor mir. Er besaß einen kräftigen Haarschopf. Daher nannte ich ihn „Wuschelkopf“. Senfauge legt mir diesen Wuschelkopf ans Herz und äßerte sich etwa folgendermaßen: „Dieser ist ein hochbegabter Junge. Ich weiß nicht, was seine unangemessene Note in Mathematik verursacht hat! Es hat wohl Streit mit seinem Mathelehrer gegeben.“ Dann fuhr er fort:“Fordern Sie diesen Knaben. Geben Sie seinem Gehirn etwas zu futtern.“ Die nächste Klassenarbeit in Mathematik stand an. Für sie stellte ich drei Aufgaben, eine sehr leicht zu lösende, eine mittelschwere und eine für diese Jahrgangsstufe sehr, sehr schwere. Bei der Korrektur erlebte ich eine Überraschung. Die erste, leichte Aufgabe hatten alle gelöst bis auf einen. Der Wuschelkopf hatte sich nicht mit ihr befasst. Die zweite Aufgabe wurde, wie erwartet, nur von einem Teil der Klasse vollständig behandelt. Wuschelkopf hatte in ihr Wesentliches richtig bearbeitet. Die dritte Aufgabe hatte nur er vollständig , ausführlich und vollkommen richtig gelößt. Kein anderer Schüler außer ihm hatte diese 3.Aufgabe bearbeitet. Er erhielt von mir eine gute Note im Fache Mathematik. Auch seine Leistungen in den übrigen Fächern waren beachtenswert. Daher überwies man Wuschelkopf später zum KMG. Dort erhielt er sein Reifezeugnis, studierte an der Universität Bielefeld und wurde hernach STR am KMG. Dort begegnete er mir später als Kollege, der in Philosophie promoviert hatte und an unserem Gymnasium Philosophie und Mathematik lehrte.

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