Reisen: Die Straßen von Kancheepuram

Einleitung

Drei Wochen lang ging ich durch die Straßen einer südindischen Stadt, welche die Engänder „Kancheepuram“ schreiben und die Tamilen „Kanchipuram“. Ausgesprochen wird sie von den Tamilen als „Kanchiprom“. Sie liegt etwa 70 km südöstlich von Madras, das heute von den Indern „Chennai“ genannt wird.

Der Verkehr

Inder scheuen nicht das Risiko. Im linken Bild oben transportiert ein Mann seine Frau inklusive Baby auf dem Sozius und das alles bei dichtem Stadtverkehr in der Dunkelheit. Das rechte Bild stellt den Verkehr vor einer roten Ampel dar. Man erkennt dort: Das Motorrad nimmt einen besonderen Platz unter den Verkehrsteilnehmern aus der schaffenden Bevölkerung ein, dann kommt das gelbe Ata und mitunter sieht man auch Personenwagen. Der Bus wird in der Regel nur für Überlandfahrten benutzt.

Vor sechs Uhr morgens, wenn der Berufsverkehr noch nicht begonnen hat, sieht man Ochsenkarren, die Gemüse oder Baumaterial transportieren.Im Laufe des Tages stellen sich dann die verschiedensten Verkehrsteilnehmer ein: Autofahrer, Fußgänger, Motorradfahrer und Radfahrer, die übrigens auch in der Dunkelheit ohne Licht fahren. Fußgänger gehen oftmals auf der Straße, obwohl ein Bürgersteig
vorhanden ist. Wollen sie die Fahrbahn überqueren, dann gehen sie nicht rechtwinklig zur Fahrbahn, wie das bei uns üblich ist, sondern
überqueren diese schräg. Die anderen Verkehrsteilnehmer fahren dann um sie herum. Stehenbleiben sollte man nicht, weil dann die Fahrer
nicht erahnen können, in welche Richtung man seinen Weg fortsetzen wird. Ansonsten funktioniert das asiatische Chaos recht erfolgreich.
Nur einmal habe ich einen Auffahrunfall miterlebt, bei dem ein Motorrad auf ein Ata auffuhr – ohne nennenswerten Schaden für Mensch
und Gefährt.Die Polizei wurde nicht alamiert!

Die Abfälle

Nicht in allen Straßen ist es so sauber wie oben links. Links unten erblicken wir eine Baulücke. Nun, auch bei uns findet man solche Orte. Jedoch sind die leer oder höchstens mit Bauschutt gefüllt. Der fast ausgetrocknete Kanal in der Mitte wäre in einer deutschen Stadt jedoch alsbald ausgeräumt worden. Hier blieb der Abfall einfach liegen und zwar über alle drei Wochen, in welchen ich in dieser Stadt verweilte. Eine städtische Müllabfuhr gibt es hier offenbar nicht. Bevor eine Prozession zu Ehren der Götter stattfindet, kehren Frauen mit Reiserbesen die Straßenränder und Bürgersteige. Mitunter erblickt man in den Straßen Hunde. Einen von ihnen sah ich dort viele Tage liegen. Er schlief, hob mitunter den Kopf und schlief dann weiter. Ob er krank war, das weiß ich nicht. Auf jeden Fall machte ich immer einen großen Bogen um ihn herum, denn pro Jahr sterben etwa 20 000 Inder an Tollwut, die von streunenden Hunden übertragen wird. Ohne vorangehende, vorbeugende  Injektion ist man verloren, wenn man mit dem Speichel eines solchen Hundes in Berührung kommt. Bevor ich nach Chennai flog, bekam ich mehrere Spritzen mit „entschärften“ Tollwuterregern. Bei ihnen wurden die Oberflächen dieser Krankheitserreger injiziert, damit sich das Immunsystem auf diese
einstellen kann. In etwa kamen mir die Injektionen gegen mögliche Krankheiten genauso so teuer wie Hin- und Rückflug.

Arbeiter auf der Straße

Links erkennt man einen Arbeiter, der mit Hämmer und einem Amboss kalt schmiedet. Vielleicht stellt er Ersatzteile für ein Ata her. Diese Stadttaxis werden ständig überladen und benötigen daher rustikale Teile. Manche Werkstücke kann man jedoch nur heiß verarbeiten. Dazu benutzt der Hersteller im zweiten Bild von links einen kleinen Blasebalg,  dem mit Hilfe einer Handkurbel und einem Ventilator Sauerstoff zugeführt wird. Kohle gibt es nicht weit entfernt zu kaufen. Der leichtbekleidete Herr ganz unten rechts flickt den Hinterradschlauch seines Fahrrades in altdeutscher Nachkriegsmethode.

Händler auf der Straße

Links verkauft ein findiges Ehepaar  Korbwaren. Sie sind zum Einkaufen und Transportieren von allerlei Waren wie z.B. Obst und Gemüse hervorragend geeignet, da man hier Güter in der Regel auf dem Kopfe trägt. Obst und Gemüse werden wie fast alle anderen Waren auf dem Bürgersteig angeboten.  Eine Folie schützt die angebotene Ware vor dem Schmutz der Straße. Rechts werden Bambusstangen geraspelt. Der gewonnene Saft wird feilgeboten.

Die Stromversorgung

Wenn man mit offenen Augen über die Gehwege streift, dann kann man erkennen, dass die Strommasten angezapft wurden, und das nicht gerade fachmännisch. Kein Wunder, dass die öffentliche Stromversorgung mehrmals am Tage zusammenbricht. Dann geht in der Stadt das Licht aus, die Klimaanlagen streiken und die Fahrstühle bleiben dort stehen, wo sie sich gerade befinden. Das geschieht auch in einem der feinsten MM.Hotels. Aber keine Angst! Nach einigen Sekunden hört man einen Benzinmotor blubbern und alles bewegt sich wieder, so wie wir es aus dem Märchen Dornröschen nach dem Kuss des Prinzen kennen gelernt haben. Bewirkt hat das dann eine elektrische Kraftstation,  wie sie unten links abgebildet ist. Wenn der Motor links die passende Umlaufgeschwindigkeit erreicht hat, dann wird er an den rechten Dynamo angekuppelt. Die Kupplung in der Mitte ist übrigens aus Teilen eines Autoreifens gebastelt worden – einfach und doch genial!

Die Armut

Die Armut ist in Kancheepuram weit verbreitet. Links schläft ein Clochard auf dem Bürgersteig, wo er die Nacht verbringt. Viele arme Leute halten die Hand aus und erbeten eine milde Gabe. Gibt man allerdings als Ausländer jemanden etwas, dann sollte man sich die Straße merken, in der dieses geschah, und sie bei weiteren Gängen meiden; denn bettelnde Frauen können sehr aufdringlich werden. Die Hilfe der Armen wird effektiver, wenn man an kirchliche oder andere anerkannte soziale Einrichtungen Geld übnerweist.
Die Häuser der Stadt sind aus festen Steinen erbaut und einigermaßen wohnlich, doch die Behausungen in den Slums am
Stadtrand oder in jener auf dem Lande zeugen von bitterer Armut. Die unteren beiden Bilder entstanden in einem Slum, etwa 6 km
vom Zentrum Kancheeproms entfernt. Das linke Bild zeigt uns eine Hütte aus Bambus und Palmzweigen, die offenbar keine
Fenster besitzt. Eine Frau schläft direkt vor dem Eingang, weil der nur durch einen Vorhang verschlossen werden kann.
Rechts daneben raucht ein selbstgebauter Lehmofen, auf dem abends die Mahlzeit bereitet wird. Die Hütte würde
wahrscheinlich abbrennen, würde man die Speisen in ihrem Inneren zubereiten.

Die Frauen

Zurück in Kancheepuram, lichte ich in einer Straße eine Frau ab,  die Sand siebt. Daraufhin bleibt ein junger Mann
stehen, kommt zurück und fragt mich, warum ich das tue. Nachdem ich ihm meine Gründe dargelegt habe,
geht er zufriedengestellt seines Weges. Ähnlich ergeht es mir, als ich drei Frauen digitalisieren will, die
vor einem Tempel Blumen verkaufen. Da meine kleine Kamera keinen Blendschutz für die Screen hat, die mir das
Bild vermittelt, erkenne ich dort das Bild nicht, das ich erhalten werde, wenn ich klicke. So halte ich den Fotoapparat
versehendlich zu weit nach rechts und erwische nur die zwei jüngeren der drei Frauen vollständig. Ein Polizist,
der mir gegenübersteht, bemerkt die Fehlhaltung der Kamera. Er fordert mich auf, die ältere Frau links extra zu
fotographieren – zur allgemeinen Belustigung der beiden anderen Damen. In Indien scheint es nicht anders zu sein als bei uns in Deutschland: Den Ausländern traut man am ehestens etwas Unerlaubtes zu.

20.09.2013 Kk

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