Die verschiedensten Lehrer und Schüler besuchten unsere Otto-Hahn-Realschule. Das betraf sowohl die Intelligenz als auch den Charakter dieser Menschen. Von dem ganzen bunten Volk der Erzieher wie auch der Schüler blieben mir zwei Individuen in Erinnerung. Das war zum einen der Lehrer „Senfauge“ und zum anderen der Schüler „Wuschelkopf“. Ersterer erhielt seinen Namen aufgrund eines gelben Flecks unter seinem linken Auge, Letzterer wegen seiner üppigen Haarpracht.

Senfauge

Er war so lieb, dass er keinen Schüler aufgeben wollte. Den schwächsten Mathematiker unserer Klasse unterrichtete er im Abschlussjahrgang sogar persönlich, bis er ihm mit gutem Gewissen eine ausreichende Note in Mathematik erteilen konnte. Er wusste offensichtlich, dass dieser arme Junge wegen Muskelschwund nicht sehr alt werden würde. Aber auch geniale Mathematiker konnte er recht gut einschätzen und wusste sie zu fördern. Erfahren durfte ich dieses zehn Jahre nach Verlassen der Realschule, als ich wieder in die Obhut von Senfauge gelangte. Dieses Mal nicht als Schüler, sondern als Referendar im Fach Mathematik.

Der Wuschelkopf

Dieser war vor gar nicht langer Zeit vom städtischen Knabengymnasium zur Realschule delegiert worden, an der ich ihn nun als junger, unerfahrener Mathematiklehrer unterrichten durfte. Der Grund für die „Degradierung“ des Jungen war u.a. eine mangelhafte Note in Mathematik gewesen. Diese kommentierte Senfauge etwa folgendermaßen: “Ich weiß nicht, was dem Mathematiklehrer dazu bewogen haben mag, diesem Jungen eine solch schlechte Note zu erteilen. Ich halte den Knaben für hochbegabt. Geben sie ihm in der bevorstehenden Klassenarbeit etwas zu futtern!“ Was er mit dem letzten Wort meinte, war klar. Damit stand ich vor einer schwierigen Aufgabe, die auch für Wuschelkopf nicht leicht war! Mit dem Ausdruck „futtern“ legte mir Senfauge nahe, wenigstens eine der drei Mathematik-Aufgaben der nächsten Mathe-Arbeit im Schwierigkeitsgrad erheblich zu steigern. Sollte der Junge das Mathematikgenie wirklich sein, welches Senfauge in ihm zu erkennen glaubte, dann würde es sich bei der Lösung dieser Aufgaben zeigen. Doch es gab auch Schüler in dieser Klasse, die weder Interesse noch Begabung für Mathematik offenbarten. Wie konnte ich auch diesen Schülern gerecht werden? Für sie musste unbedingt eine leichte Aufgabe auf dem Aufgabezettels stehen. Um keinen Schüler zu entmutigen, wählte ich eine solche als erste Aufgabe. Dann folgte eine mittelschwere und schließlich der „Hammer“, den ich extra für Wuschelkopf ausgesucht hatte. Für die vollständige Lösung einer jeden Aufgabe erhielt der Schüler sechs Punkte. Meine Korrektur ergab Folgendes:
  • Die erste Aufgabe wurde von fast allen Schülern der Klasse gelöst. Nur Wuschelkopf hatte bei ihrer Bearbeitung nichts Brauchbares abgeliefert.
  • An der zweiten Aufgabe schieden sich die Geister: Manche hatten sie vollständig gelöst, viele nur teilweise.
  • Die dritte Aufgabe hatte nur Wuschelkopf gelöst. Alle anderen waren nicht ansatzweise der Lösung nahe gekommen.
Wuschelkopf erhielt am Ende des Halbjahres seine gute Note, weil er sich auch im Unterricht rege beteiligt hatte und durfte zum Gymnasium zurück. Allerdings ging er zu einem ehemaligen Lyzeum. Die dort beschäftigten Lehrerinnen unterrichteten feinfühliger als die Männer von der Kadetten-Anstalt, in der Wuschelkopf zuvor sein Glück versucht hatte.

Der Herr Doktor und sein alter Lehrer

Nach einem weiteren Studium an der Universität erlangte ich meine Lehrbefähigung für das Gymnasium. Das Herforder Mädchengymnasium, ehemals Lyzeum, wählte ich anschließend als Arbeitsstelle. Dort traf ich einen Kollegen, der die Fächer Mathematik und Philosophie unterrichtete. Er hatte in Philosophie promoviert und lehrte an der Uni Bielefeld mit halber Stelle. Auch gehörte er dem Ethikrat an, der damals von Politikern und Ärzten consultiert wurde. – Ob Ihr es glaubt oder nicht: Dieser Kollege war Wuschelkopf im Mannesalter..

Abschließende Gedanken

In meiner 40-jährigen Laufbahn als Lehrer habe ich neben Wuschelkopf auch andere Knaben kennenlernen dürfen, die in ihrer Pubertät mit männlichem Lehrpersonal nicht harmonisch zusammenarbeiten konnten, weil sie offenbar intelligenter waren als ihre Lehrer. Dann entstanden Rangkämpfe ähnlich denen zwischen Hirschen, doch in diesem Falle nicht unter Hilfenahme der Hörner sondern der Worte. Die provozierenden Bemerkungen, welche dann der Unterrichtende zu hören bekam, hätte man einer weiblichen Lehrperson nicht an den Kopf geschleudert – als junger Gentleman! Hierher gehört meiner Meinung nach eine Warnung vor dem Einsatz von KI-Lehrern. Es wird nicht ausreichen, zwischen weiblichen und männlichen KI-Pädagogen zu unterscheiden, indem man die einen mit hoher Stimme, Brüsten und wackelndem Po ausrüstet und die anderen mit tiefer Stimme, breiter Schulter und hohem Wuchs. Mann und Frau sind in Wirklichkeit auch grundverschieden in dem, was ihre Seelen anbetrifft!

19.04.2021 Kk

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