Dialoge: Schuld hat immer der Andere

Im folgenden Dialog geht es mir nicht darum, uns Deutsche von der Mitschuld freizusprechen, welche wir am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatten. Vielmehr möchte ich am Beispiel des folgenden Dialoges demonstrieren, wie gegenseitige Schuldzuweisung funktioniert. Als die prominentesten Vertreter des „Dritten Reiches“ in Nürnberg angeklagt wurden, da war fast keiner bereit, seine Mitschuld an den Gräueltaten einzugestehen, die an den Juden begangen worden waren. Der Anteil der eigenen Schuld wurde in der Regel einem Vorgesetzen zugewiesen, dem man sich offenbar nicht widersetzen konnte. Auch bei viel geringeren Straftaten im alltäglichen Miteinander versteht es der Mensch immer wieder, die Verantwortung für sein Fehlverhalten dem Nächsten anzulasten.


Alliierter(A):
Ihr Deutsche habt den Zweiten Weltkrieg verschuldet!

Deutscher(D): Immer wir!

A: Ihr habt Polen und Russland überfallen.

D: Immer wir! – Ihr habt unsere Städte bis auf die Grundmauern zerstört!

A: Das war leider unumgänglich. Daran war allein Hitler schuld!!!

D(nach kurzer Überlegung): Ja, Hitler war’s! – Der hat auch die Juden ermordet.


A: Das konnte er doch nicht alleine tun.

D: Die SS-Leute mußten die Juden umbringen, ansonsten wären sie selber erschossen worden.

A: Aber diejenigen, welche diese SS-Leute erschießen wollten, die tragen doch eine gewisse Mitschuld?!

D: Nein, nein, wenn sie sich geweigert hätten, dann wären sie von Hitler erschossen worden. Hitler war schuld!

A: Ihr könnt doch euren Führer nicht für alles verantwortlich machen?!

D: Aber das macht Ihr doch auch! Außerdem seid Ihr doch unser großes Vorbild. Ihr wollt doch, dass wir von Euch lernen – oder?

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