Mit „freie Gemeinde“ oder „Freikirche“ bezeichnen wir eine christliche Kirche, welche weder zur katholischer Kirche oder zur Ostkirche noch zur evangelischen Landeskirche zählt. Während in diesen Bereichen die Zusammensetzung der Zuhörerschaft altersmäßig konstant geblieben ist, habe ich in den letzten Jahren in zwei Freikirchen einen bemerkenswerten Generationswechsel vorgefunden. Mancher mag sich fragen, woher diese Unterschiede kommen und wohin sie führen könnten.

Ecclesia-Gemeinde in einer Großstadt


Freikirchen mit dem Namen „Ecclesia“ wurden nach dem Zweiten Weltkriege vom charismatischen Prediger Hermann Zeiss in vielen deutschen Städten gegründet, so auch in Bielefeld. Vor etwa zwei Jahren besuchte ich sie nach langer Abstinenz. Die Mitgliederschaft war fast vollständig ausgetauscht worden. Die vorige Belegschaft saß zusammengekauert in einer Ecke des Auditoriums. Lediglich ein älterer Herr über 80 saß noch immer dort, wo er in den letzten Jahrzehnten gesessen hatte. Im Gemeindesaal standen etwa 100 bis 200 junge Leute und sangen Lobpreislieder. Daraufhin begrüßte uns ein Herr, welcher einleitende Worte an uns richtete, bevor der noch recht junge Pastor mit seiner Predigt begann. Diese war recht ermunternd und wurde hingebungsvoll vorgetragen.
Danach sangen wir wieder stehend, wobei die älteren Personen sitzen bleiben durften. Gegen 12 Uhr sollte im Keller-Saal zu Mittag gegessen werden. Nachmittags solle es mit dem GD weitergehen, sagte man mir. Das wurde mir zu viel. Deshalb verabschiedete ich mich freundlicherweise. Später erfuhr ich über ein ehemaliges Mitglied der Gemeinde das Folgende: „Der neue junge Prediger hat all die jungen Leute mitgebracht!“ Die vielen jungen Leute, die ich dort gesehen hatte, bestimmten nun die Art und Weise, in welcher der GD stattfinden sollte. Damit war auch ein neuer Gottesdienststil eingeführt worden, durch den manche ältere Personen jedoch überfordert worden waren.

Christusgemeinde in einer Kleinstadt


Eine ähnliche Entwicklung beobachtete ich in einer Kleinstadtgemeinde, welche ich früher einmal besucht hatte. Als ich nach langer Zeit wieder einmal dort erschien, da wunderte ich mich über die ausgezeichnete Inneneinrichtung. Eine großartige Bühne mit heller Beleuchtung fand ich vor. Dazu eine abgeschlossene Kabine für den Mann, welcher für die Steuerung der Elektronik verantwortlich war. Auch der Gemeinderaum füllte sich wie in der oben beschriebenen Gemeinschaft vorwiegend mit jungen Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Zudem sah ich außer mir nur noch wenige ältere Personen, welche mich noch von früher kannten. Ganz herzlich wurde ich vom Leiter der Gemeinde empfangen, der anschließend Verse aus Lukas 6 auslegte. Dieser Auslegung entnahm ich den grundlegenden Gedanken: „Das Gesetz ist für den Menschen da und nicht der Mensch für das Gesetz.“ Diese Auslegung erinnerte mich an den ehemaligen SPD-Politiker Müntefering, dessen Spruch ganz ähnlich lautete: „Die Wirtschaft ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Wirtschaft.“ Ja, wir Menschen setzen auch heute noch mitunter ganz falsche Prioritäten. Daher benötigen wir gerade jetzt zeitgemäße Bibelauslegungen. Auch hier wurde in der Gemeinschaft anschließend zu Mittag gegessen und anschließend ab 15 Uhr weiterhin christliche Gemeinschaft gepflegt.

Schwierigkeit zwischen den Generationen


In den Familien beginnen die Schwierigkeiten zw Eltern und Kinder, wenn letztere selbständig werden. Der Alte will noch immer das letzte Wort haben und hat mitunter nicht begriffen, dass die Kinder nach Selbständigkeit streben und ihr Leben endlich in ihre eigene Hand nehmen wollen, dann nämlich, wenn sie erwachsen geworden sind. Eltern sollten den Kindern Schritt für Schritt ihr eigenes Leben überlassen.Ähnliches gilt auch für christliche Kirchen. Gospellieder haben von Amerika aus die christliche Welt der Jugend erobert. Das Lied „Harre meine Seele, harre des Herrn…“ hingegen ist inhaltlich gehaltvoll und war in der Zeit seiner Entstehung sicherlich ein „Renner“ gewesen. Heute ist es das nicht mehr. Die traditionellen Kirchen haben gerade deshalb Schwierigkeiten, die Jugend zu halten.
Auch sind Graecum und Latein für eine Pastorenausbildung keinesfalls notwendig. Ebenso kann ein Pastoralausbildung auf geschichtliches Hintergrundwissen weitgehend verzichten. In diesem Zusammenhang denke man doch bitte an die Jünger Jesu Christi. Es waren zu Lebzeiten unseres Herrn einfache Leute. Paulus stieß erst später zu ihnen. Bevor er der Apostel der Heiden werden konnte, musste er zuerst recht „klein“ werden, was auch sein Name verrät. Gott fängt immer ganz unten an. Die evangelische Kirche von Westfalen als auch die von Niedersachsen setzen immer mehr Laien ein, die ein Charisma besitzen, weil diese Kirchen offenbar gemerkt haben, dass diese Laien dem Volke oftmals näherstehen als die hochgebildeten Hochwürden. Auch wir Alten werden nicht arbeitslos in der Mission werden. Wir können immerhin noch beten und dürfen dabei Wunder erleben. Auch wird uns die Jugend nicht verachten, wenn wir ehrlich und ohne Neid ihnen Verantwortung überlassen.

12.09.2021 Kk

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