Die Straßen von Kancheepuram

Zur Startseite

Die Lage der Stadt

Drei Wochen lang ging ich durch die Straßen einer südindischen Stadt, welche die Engänder "Kancheepuram" schreiben und die Tamilen "Kanchipuram". Ausgesprochen wird sie von den Tamilen als "Kanchiprom". Sie liegt etwa 70 km südöstlich von Madras, das heute von den Indern "Chennai" genannt wird.Der Schmutz der Bürgersteige:
Ein abendlicher Spaziergang brachte mir wenig Glück: Eine Mücke stach mich ins Bein, dort wo ich vergessen hatte, mich mit DEETS einzureiben. Ein kurzer Stich, dann ein roter Fleck - das war’s. Hoffentlich war es keine Moskito oder Tsetse-Fliege. Doch ich hatte auch ein schönes Erlebnis: Da standen kleine uniformierte Mädchen vor ihrer Grundschule, die mich nach Herkunft und Namen fragten. Auf Anfrage erklärten sie mir, dass sie in der Schule auch Englisch lernen würden. Ich ermutigte sie, weiterhin fleißig zu lernen.- Es ist gar nicht verwunderlich, dass es hier so viele Krankheiten gibt. Auf den Bürgersteigen liegt unvorstellbar viel Dreck. Nicht nur Hunde und Ochsen befriedigen hier ihre Notdurft, auch zwei Männer habe ich mitten in der Stadt an Hauswände pinkeln sehen. Ein kleines Mädchen wurde von ihrer Mutter auf dem Bürgersteig sogar abgehalten. Allein deswegen finden sich hier in den Abendstunden viele Mücken und Fliegen ein. Leere Flaschen wirft man einfach weg. Selbst ein Bediensteter einer Nationalbank forderte mich auf, meine leere Mineralwasserflasche in die Ecke zu werfen, als ich ihn frug: "Wohin damit?" Auch einer meiner Freunde warf eine solche leere Flasche einfach aus dem Fenster seines Wagens. Das Ergebnis sieht dann entsprechend aus. Eine Müllabfuhr, wie wir sie kennen, scheint es hier nicht zu geben. - Und das bei 40-50 Grad Celsius im Sommer!

Straßenmärkte:
Als ich sah, dass Obst und Gemüse auf den Bürgersteigen angeboten wurde, war mir sofort klar, warum man als Tourist aus Europa kein ungeschältes Obst und kein ungekochtes Gemüse essen sollte. Mitten auf einer Kreuzung wurden Korbwaren angeboten. Man kauft sich einfach einen Korb und besorgt sich dann Gemüse oder Früchte, die man mit dem Korb transportieren kann.

Die Fahrer des Atas:
Ata-Fahrer stellen wie ihr Auto etwas Besonderes dar. Über eines dieser Gespanne berichtete ich ja schon, als ich unsere Fahrt nach Nager beschrieb. Aber lasst mich nun speziell auf die Fahrer dieser Taxi eingehen: Sie beherrschen den englischen Wortschatz, soweit er ihr Geschäft betrifft – also Taxi-Englisch. "Taxi?-Where will you go to?- twenty-thirty-fourty- fifty Rupees - and so on!" Bist du dunkelhäutig und braunäugig zahlst du nicht viel, schließlich mutet der Fahrer dir ja bis zu neun Mitfahrer zu. Hast du aber helle Haut, blaue Augen und kommst zudem noch aus Germany, dann bezahlst du Sonderpreise – darfst dafür aber als einziger Gast fahren und außerdem wartet der Chauffeur am Zielpunkt und bietet Dir seine Hilfe an. Auch bringt er dich gerne allein zurück.
Mitunter nehmen sie auch den Preis, den sie Einheimische zumuten, vor allem dann, wenn sie mit dir Mitleid empfinden. So erging es mir, als ich ganz schnell wegen meiner Diarrhöe zum Hospital musste. - In der Rezeption des M.M.Hotel bot der Ata-Fahrer in Gegenwart seiner tamilischen Volksgenossen mir die Fahrt zum CSI-Hospital für 20 Rs an. Aber schon auf der Treppe ließ er mich wissen, dass der Preis das Minimum darstelle. Das hätte ich mir merken sollen, als ein anderer seiner Zunft später für dieselbe Fahrt 30 Rs von mir forderte. Empört lehnte ich ab und ging zum nächsten Ata-Fahrer. Der forderte doch glatt 50 Rs. Ich konterte: "I can have it for 30!" - "Fourty", war die Antwort. - "No, thirty!"- "OK, thirty!" Nach dem Deal fuhren wir los. Am Ziel angekommen, forderte der Fahrer wieder "Fourty!" – "No, thirty!"- "Then thirty-five!"- "No, thirty!" –"OK, thirty!" Mir ging es nicht um das Geld. Als pensionierter Lehrer versuche ich heute immer noch, Menschen zu erziehen. In diesem Falle wollte ich dem Taxifahrer unbedingt beibringen, dass man sich an Abmachungen halten sollte. Weil ich das ewige Feilschen leid war, ging ich nach diesem Erlebnis zu Fuß, wenn es eben möglich war. Dennoch stürzten sie sich regelmäßig auf mich. "Taxi?" - "No, I want to walk!" Und dann ein anderer: "Taxi?"- "No, I want to walk by my own feet!" – "No, no, no!!!" Lieb und gar nicht aufdringlich waren sie, wenn ich mit Sachchi und Benedict das Ata zur Kirche benutze, denn dann bezahlte ja Sachchi.

Die Autobahnen:
In Tamil Nadu existieren auch Autobahnen, auf denen schnell gefahren wird, jedoch weniger Verkehr herrscht als bei uns. Eine solche überfuhren wir mit einem Ata, als wir das erste Mal die Kinderkirche in Ariyapperum Parkam besuchten, das etwa 7km von Kanchipuram entfernt liegt. Da befand sich keine Auffahrt, so wie wir Deutsche sie von unseren Schnellstraßen her gewohnt sind! Dort wo die Landstraße die Schnellstraße rechtwinklig überquerte, war der Mittelstreifen auf einer Länge von etwa 20m einfach beseitigt worden. Für einem Porsche wäre die Überquerung sicherlich kein Problem gewesen – aber für ein Ata mit schwachem Motor und schlechter Beschleunigung glich es einer todesmutigen Heldentat. Später im Flugzeug erzählte mir ein Bayer: "Bei kleineren Straßen ist der Mittelstreifen nicht unterbrochen. Dann ist es erlaubt, bis zur nächsten Mittelstreifenlücke als Geisterfahrer zu agieren!" - Das erinnert an das Prinzip: "survival of the fittest". Ganz schlimm wird es, wenn du mit Fahrrädern, die grundsätzlich kein Licht haben, in stockfinsterer Nacht solch eine Autobahn überqueren musst, wie es uns passierte, als wir am dritten Samstag meines Aufenthaltes von der Kinderkirche nach Hause fuhren.(siehe dort) Besitzt man jedoch ein Motorrat wie Benedict, dann ist das Überqueren kein Problem, auch nicht bei Nacht.

Der Verkehr gegen Abend

Inder scheuen nicht das Risiko. Im linken Bild oben transportiert ein Mann seine Frau inklusive Baby auf dem Sozius und das alles bei dichtem Stadtverkehr in der Dunkelheit. Die Mitte stellt den Verkehr vor einer roten Ampel dar. Man erkennt, dass das Motorrad einen besonderen Platz unter der schaffenden Bevölkerung einnimmt, dann kommt das gelbe Ata und mitunter sieht man auch Personenwagen. Der Bus wird in der Regel nur für Überlandfahrten benutzt.

Der Verkehr in der Frühe

Vor sechs Uhr morgens, wenn der Berufsverkehr noch nicht erwacht ist, sieht man Ochsenkarren, die Gemüse oder Baumaterial transportieren. Im Laufe des Tages stellen sich die verschiedensten Verkehrsteilnehmer ein: Autofahrer, Fußgänger, Motorradfahrer und Radfahrer, die übrigens auch in der Dunkelheit ohne Licht fahren. Fußgänger gehen oftmals auf der Straße, obwohl ein Bürgersteig vorhanden ist, so wie wir es im rechten Bilde sehen. Wollen sie die Fahrbahn überqueren, dann gehen sie nicht rechtwinklig zur Fahrbahn, wie das bei uns üblich ist, sondern überqueren schräg. Die anderen Verkehrsteilnehmer fahren dann um sie herum. Stehenbleiben sollte man nicht, weil dann die Fahrer nicht erahnen können, in welche Richtung man seinen Weg fortsetzen wird. Ansonsten funktioniert das asiatische Chaos recht erfolgreich. Nur einmal habe ich einen Auffahrunfall miterlebt, bei dem ein Motorrad auf ein Ata auffuhr – ohne Schaden für Mensch und Gefährt.

Der Unrat

Nicht in allen Straßen ist es so sauber wie oben. Links schauen wir in eine Baulücke. Nun, auch bei uns sind solche Orte oftmals mit Bauschutt übersät. Der fast ausgetrocknete Kanal in der Mitte wäre in einer deutschen Stadt jedoch bald ausgeräumt worden. Hier blieb der Abfall über alle drei Wochen, in welchen ich in dieser Stadt verweilte. Eine städtische Müllabfuhr gibt es hier nicht. Bevor eine Prozession zu Ehren der Götter stattfindet, kehren Frauen mit Reiserbesen die Straßenränder und Bürgersteige. Rechts sehen wir einen schlafenden Hund. Ihn sah ich dort viele Tage liegen. Er schlief, hob mitunter den Kopf und schlief dann weiter. Ob er krank war, das weiß ich nicht. Auf jeden Fall machte ich immer einen großen Bogen um ihn herum, denn pro Jahr sterben etwa 20 000 Inder an Tollwut, die von streunenden Hunden übertragen wird. Ohne vorangehende, vorbeugende  Injektion ist man verloren, wenn man mit dem Speichel eines solchen Hundes in Berührung kommt. Bevor ich nach Chennai flog, bekam ich mehrere Spritzen mit „entschärften“ Tollwuterregern. Bei ihnen wurden die Oberflächen dieser Krankheitserreger injiziert, damit sich das Immunsystem auf diese einstellen kann. Insgesamt wurden die Injektionen gegen mögliche Krankheiten etwa genauso teuer wie Hin- und Rückflug nach Indien.

Handwerker auf der Straße

Links erkennt man einen Arbeiter, der mit Hämmer und einem Amboss kalt schmiedet. Vielleicht stellt er Ersatzteile für ein Ata her. Diese Stadttaxis werden ständig überladen und benötigen daher rustikale Teile. Manche Werkstücke kann man jedoch nur heiß verarbeiten. Dazu benutzt der Hersteller im zweiten Bild von links einen kleinen Blasebalg,  dem mit Hilfe einer Handkurbel und einem Ventilator Sauerstoff zugeführt wird. Kohle gibt es nicht weit entfernt zu kaufen. Der leichtbekleidete Herr ganz rechts flickt den Hinterradschlauch seines Fahrrades nach altdeutscher Nachkriegsmethode.

Händler auf der Straße

Links verkauft ein findiges Ehepaar  Korbwaren. Sie sind zum Einkaufen und Transportieren von allerlei Waren wie z.B. Obst und Gemüse hervorragend geeignet, da man hier Güter in der Regel auf dem Kopfe trägt. Obst und Gemüse werden wie fast alle anderen Waren auf dem Bürgersteig angeboten.  Eine Folie schützt die angebotene Ware vor dem Schmutz der Straße. Rechts oben werden Bambusstangen geraspelt. Der gewonnene Saft wird feilgeboten.

Die Stromversorgung

Wenn man mit offenen Augen über die Gehwege streift, dann kann man erkennen, dass die Strommasten angezapft wurden, und das nicht gerade fachmännisch. Kein Wunder, dass die öffentliche Stromversorgung mehrmals am Tage zusammenbricht. Dann geht in der Stadt das Licht aus, die Klimaanlagen streiken und die Fahrstühle bleiben dort stehen, wo sie sich gerade befinden. Das geschieht auch in einem der feinsten MM.Hotels. Aber keine Angst! Nach einigen Sekunden hört man einen Benzinmotor blubbern und alles bewegt sich wieder wie im Märchen Dornröschen nach dem Kuss des Prinzen. Bewirkt hat das dann eine elektrische Kraftstation,  wie sie unten links abgebildet ist. Wenn der Motor links die passende Umlaufgeschwindigkeit erreicht hat, wird er an den rechten Dynamo angekuppelt. Die Kupplung in der Mitte ist übrigens aus Teilen eines Autoreifens gebastelt worden - einfach und doch genial!

Die Armut

Die Armut ist in Kancheepuram  weit verbreitet. Links schläft ein Clochard auf dem Bürgersteig, wo er die Nacht verbringt. Daneben sehen wir einen mit groben Pickeln übersäten Mann, welcher die Hand für eine milde Gabe aufhält. Gibt man als Ausländer jemanden etwas, dann sollte man sich die Straße merken, in der dieses geschah, und sie bei weiteren Gängen meiden; denn bettelnde Frauen können sehr aufdringlich werden.
Die Häuser der Stadt sind aus festen Steinen erbaut und einigermaßen wohnlich, doch die Behausungen in den Slums am Stadtrand oder in jenen auf dem Lande zeugen von bitterer Armut. Im mittleren Bild steht eine Hütte aus Bambus und Palmzweigen, die offenbar keine Fenster besitzt. Eine Frau schläft vor dem Eingang, der durch einen Vorhang verschlossen werden kann. Rechts raucht ein selbstgebauter Lehmofen, auf dem abends die Mahlzeit bereitet wird. Die Hütte würde wahrscheinlich abbrennen, würde man es innen versuchen.

Die Frauen

Nachdem ich eine Frau abgelichtet habe,  die Sand siebt, bleibt ein junger Mann stehen, kommt zurück und fragt mich, warum ich das tue. Nachdem ich ihm meine Gründe dargelegt habe, geht er zufriedengestellt seines Weges. Ähnlich ergeht es mir, als ich drei Frauen digitalisieren will, die vor einem Tempel Blumen verkaufen wollen. Da meine kleine Kamera keinen Blendschutz für die Screen hat, die mir das Bild vermittelt, erkenne ich dort das Bild nicht, das ich erhalten werde, wenn ich klicke. So halte ich den Fotoapparat versehendlich zu weit nach rechts und erwische nur die zwei jüngeren der drei Frauen vollständig. Ein Polizist, der mir gegenübersteht, bemerkt die Fehlhaltung der Kamera. Er fordert mich auf, die ältere Frau links extra zu fotographieren – zur allgemeinen Belustigung der Damen.
In Indien scheint es nicht anders zu sein als bei uns in Deutschland: Den Ausländern traut man am ehestens etwas Böses zu.

20.09.2013 Kk